ABSCHIED VON GUNNAR MÖLLER

 

Der Schauspieler ist im Alter von 88 Jahren in Berlin verstorben

 

Von Stefan Zimmermann

Als meine Kollegin Iris von Zastrow und ich kürzlich nach Berlin reisten, um unseren Freund Gunnar Möller zu besuchen, war er bereits seit einigen Wochen schwer erkrankt.  Sein Tod am 16. Mai 2017 – kurz vor seinem 89. Geburtstag – war sanft und leise. Bis zuletzt hat ihn seine Frau Christiane Hammacher in der gemeinsamen Berliner Wohnung gepflegt. Unser letztes Treffen mit Gunnar Möller wird uns in lebendiger Erinnerung bleiben.

Gunnar Möller (geb. am 1. Juli 1928) war bereits seit Mitte der 50er Jahre einem breiten Kino- und Theaterpublikum bekannt. Schon als Kind hatte der gebürtige Berliner Filmrollen übernommen, zunächst als Jugendlicher in NS-Propagandafilmen (u.a. in „Junge Adler“, 1944), später als junger Schauspieler in den Anti-Kriegsfilmen „Hunde, wollt ihr ewig leben“ (1959) und „Nacht fiel über Gotenhafen“ (1960). Der Durchbruch war ihm bereits 1955 an der Seite Liselotte Pulvers als Student Andreas im Kinofilm „Ich denke oft an Piroschka“ gelungen.  Die Liste der Kinofilme und TV-Produktionen, in denen er mitwirkte, ist lang. Er spielte in über 90 Filmen mit. 1979 wurde seine bis dahin äußerst erfolgreiche Karriere jäh unterbrochen. Was 1979 in London passierte, hat sich als gewissermaßen unbegreiflicher Teil seines Lebens in dessen Chronik eingraviert. Ein Londoner Gericht verurteilte Gunnar Möller wegen im Affekt verübten Totschlags an seiner damaligen Ehefrau Brigitte Rau zu fünf Jahren Haft. Er verbüßte davon zwei Jahre in England.

Schon 1981 erhielt der Schauspieler in Deutschland wieder Theaterengagements und wurde seit 1983 auch wieder als TV-Schauspieler besetzt. Man konnte ihn in „Tatort“ – Folgen sehen, in „Das Rätsel der Sandbank“, „Ein Fall für zwei“ oder in „Donna Leon“. Als eigentliches Film-Comeback bezeichnete er selber seine Mitwirkung in dem hochkarätig besetzten Film „Oktoberfest“ aus dem Jahr 2005. Seine letzte Kinorolle spielte er 2015 in „Die abhandene Welt“ unter der Regie von Margarethe von Trotta.

Gunnar Möller war ein leidenschaftlicher Theatermensch. So war er nach Kriegsende am Staatstheater Kassel engagiert, 1947 am Berliner Schloßparktheater und später an den Münchner Kammerspielen, u.a. unter der Regie des legendären Fritz Kortner. Er übernahm Rollen für viele Tournee-Produktionen, gastierte an zahlreichen Bühnen und spielte in den 60er Jahren auch in seiner damaligen Wahlheimat in London Theater.

Gunnar Möller als Jacob Brackisch in „Schlussbilanz“ (2007) Foto: a.gon

Ich lernte Gunnar Möller 1985 kennen. 1989 spielte er im Frankfurter Fritz-Rémond-Theater die Hauptrolle in „Loriots dramatische Werke“. Es war meine erste und eine der ersten abendfüllenden Loriot-Inszenierungen, nachdem Vicco von Bülow seine „Dramatischen Werke“ 1985/86 am Stadttheater Aachen zur Uraufführung gebracht hatte. Gunnar Möller wurde von der Kritik oft mit Loriot verglichen, dessen TV-Auftritte fast jeder kannte. Der Vergleich und die Bewertung seiner trockenen Komik fiel stets hervorragend aus. Gunnar Möller spielte sich mit den Loriot-Szenen in die Herzen der (Tournee-) Zuschauer. Viele weitere Loriot-Produktionen folgten. Margit Bönisch engagierte uns 1991 für die Münchner Tournee und später für die Komödie im Bayerischen Hof. Gastspiele führten an die Komödie am Kurfürstendamm (1993) und an das Berliner Schillertheater zum 85. Geburtstag von Loriot.  Vicco von Bülow besuchte manche Vorstellung in München und mit besonderem Interesse auch die Proben für die Berliner Jubiläumsaufführung 2008. Weitere gemeinsame Arbeiten mit Gunnar Möller folgten für die Münchner Tournee, die Komödie im Bayerischen Hof und das Frankfurter Fritz-Rémond-Theater (u.a. „Fisch zu viert“, 1998).

2007 spielte Gunnar Möller zum ersten Mal für das damals noch junge a.gon Theater. Er übernahm in kürzester Zeit die Rolle des Jacob Brackisch in dem Zwei-Personenstück „Schlussbilanz“ (von Israel Horovitz) wegen einer Erkrankung von Alexander May. Wir veröffentlichten damals, am 20. April 2007 folgenden Text:  „Leider kann Alexander May die von ihm so geliebte Rolle des Jacob Brackisch aus gesundheitlichen Gründen bis auf weiteres nicht spielen. a.gon ist Gunnar Möller außerordentlich dankbar für seine spontane Bereitschaft, diesen umfangreichen Part innerhalb kürzester Zeit zu übernehmen.“ Die vielschichtige Figur des alten Jacob Brackisch spielte Gunnar Möller auch in der Wiederholungstournee. Er rührte das Publikum damit buchstäblich zu Tränen. 2011 spielte er die Rolle des alten Grafen Dorincourt in dem Familienmusical „Der kleine Lord“ (von Günther Edin und Gabriele Misch). Der Münchner Merkur überschrieb seine Kritik: „Gunnar Möller ließ Alec Guinness vergessen- fast 15 Minuten Schlussapplaus“. Es war ein regelrechter Triumph für Gunnar Möller, den viele Tournee-Zuschauer inzwischen als Bühnen-Urgestein begeistert feierten.

Im Herbst 2012 lud uns der Intendant des Fritz-Rémond-Theaters, Prof. Claus Helmer ein, noch einmal die Loriot-Szenen für seine Bühne zu realisieren. Ein letztes Mal stand Gunnar Möller mit seiner Frau Christiane Hammacher als Hauptdarsteller der von ihm geliebten Loriot-Szenen auf derselben Bühne, wo 1989 sein erster Auftritt in dieser Rolle statt gefunden hatte. Hunderte Vorstellungen folgten seit der ersten Premiere.

Als Iris von Zastrow und ich Gunnar Möller am Krankenbett besuchten, fragten wir ihn, ob er Ehrenmitglied unseres Theaters werden möchte. Er antwortete leise, aber nachdrücklich: „Na, selbstverständlich!“. Gunnar Möller war eine beeindruckende Persönlichkeit des deutschen Theaters des deutschen Films und Fernsehens. Wir verlieren einen wunderbaren Freund.

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